Wölfe, Löwen und ein Wunder am Zoo

Freitag, 29.06.2007

  • Weitere Neuzugänge bei der Eintracht

    Mit 3:2 gewann Eintracht Braunschweig am 26. Mai 1973 das Abstiegsduell gegen Hannover 96. Zweifacher Torschütze vor 30.000 Zuschauern war Bernd Gersdorff. Gäste-Keeper Franz-Josef „Jumbo“ Pauly hat auch in dieser Szene das Nachsehen.
    Foto: Imago

    168 Derbys seit 1963:
    VfL Osnabrück trägt
    im direkten Vergleich
    die rote Laterne
    Von Peter Borchers (NFV)

    Viele Fußball-Fans in Deutschland sind sich einig: Siege über den FC Bayern München schmecken am allerbesten. Doch es gibt für Anhänger in einigen Regionen Deutschlands eine Leibspeise, die mindestens ebenso bekömmlich auch für das Wohlbefinden der Fußballseele ist. Das Vernaschen des Derbygegners mundet einfach zu vortrefflich. Diese Vorliebe teilen auch die Fans der vier niedersächsischen Traditionklubs Eintracht Braunschweig, Hannover 96, VfL Osnabrück und VfL Wolfsburg. Mit dem Sparkassen-Supercup Niedersachsen wird ihnen jetzt ein superbes Viergängemenue im weiten Rund des hannoverschen Gourmet-Tempels „AWD-Arena“ serviert. Gekocht wird am 14. Juli drei Stunden lang auf höchster Flamme. Kredenzt wird an diesem Sonnabend ein Festmahl, das es in ähnlicher Form noch nicht in Niedersachsen gegeben hat. Für welche Anhänger es sich letztlich als leichte Kost, für welche aber auch als ein schwer verdaulicher Derbyhappen erweisen wird, diese Frage werden 180 Minuten niedersächsischer Spitzenfußball beantworten. Erst vor wenigen Wochen hat Fußball-Deutschland erlebt, wie Borussia Dortmund am vorletzten Spieltag dem ungeliebten Reviernachbarn Schalke 04 mit einem 2:0-Sieg ganz kräftig in die Suppe spuckte, damit Königsblau den Gewinn der Deutschen Meisterschaft verbaute und die eigenen Fans für eine verkorkste Saison entschädigte. Schadenfreude ist halt die schönste Freude, so auch beim Derbysieg. Die Fans in Niedersachsen haben es ungezählte Male genossen, wenn sich Eintracht Braunschweig, Hannover 96 und die beiden VfL-Teams aus Wolfsburg und Osnabrück gegenseitig in die Pfanne hauten. Auf den besonderen Gaumen-Kick, den Nachbarn verputzt zu haben, müssen die Fans zumindest in Osnabrück und Braunschweig zur Zeit gänzlich verzichten, sind die beiden Klubs doch als niedersächsische Alleinunterhalter in der 2. Bundesliga bzw. Regionalliga auf Derby-Diät gesetzt. Nicht auf der Speisekarte stehen momentan aber auch die fußballerischen Leckerbissen, die die Begegnungen zwischen Eintracht Braunschweig mit den Rivalen aus Wolfsburg und Hannover seit jeher darstellen. Rückblick: Der Deutsche Fußball-Bund wird zwar erst 1900 gegründet, doch schon einige Jahre zuvor werden drei der vier am Sparkassen-Cup Niedersachsen beteiligten Vereine aus der Taufe gehoben. Eintracht Braunschweig macht am 15. Dezember 1895 den Anfang. Den Fußball-Virus hatte ein Pädagoge namens Konrad Koch in die Welfenstadt getragen. Der Professor gründete hier bereits 1874 einen Schüler-Fußballverein und verfasste zwei Jahre später die ersten deutschen Fußballregeln. Vier Monate nach der Eintracht, genau am 12. April 1896, wird Hannover 96 gegründet, das Geburtsdatum des VfL Osnabrück ist der 17. April 1899. Vergleichsweise jung ist hingegen die Geschichte des VfL Wolfsburg. Erst unmittelbar nach Ende des 2. Weltkriegs wird am 12. September 1945 in der „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ – unter diesem Namen wird Wolfsburg 1938 von den Nationalsozialisten gegründet – der grün-weiße Klub ins Leben gerufen. Niedersachsenderbys mit Beteiligung der „Wölfe“, das liegt auf der Hand, kann es also erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geben. Von besonderer Rivalität ist das Verhältnis zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig geprägt. Eines der ersten Aufeinandertreffen beider Klubs endet 1900 mit einem 11:1-Erfolg der Eintracht. Der Ursprung des heutigen Konkurrenzdenkens wird diese Schlappe der „Roten“ nicht gewesen sein. Sehr viel mehr wurmt in der Landeshauptstadt ein Ereignis, das über 60 Jahre später stattfinden soll. 1963 wird die Bundesliga ins Leben gerufen. Gründungsmitglied ist nicht etwa der Deutsche Meister von 1938 und 1954 aus Hannover, sondern der Verein aus der Stadt Heinrichs des Löwens. Eintracht hat die Saison 1962/63 in der Oberliga Nord als Tabellendritter abgeschlossen und sich sportlich für die neue Liga qualifiziert, 96 ist hingegen nur Neunter geworden. Die Zuschauerrolle nimmt Hannover jedoch nur ein Jahr lang ein, folgt den Braunschweigern schon 1964 ins Fußball-Oberhaus. 1967 muss man dort neidvoll die Meisterschaft des inzwischen ungeliebten Nachbarn verfolgen. Und das, obwohl man den neuen Champion in jener Saison gleich in beiden Aufeinandertreffen (4:2, 1:0) bezwingen kann. Neun Jahre spielen die beiden niedersächsischen Traditionsklubs gemeinsam in der Bel Etage des deutschen Fußballs, meist liegt Eintracht in der Tabelle vorn. So auch, als am 9. Juni 1973 um 15.30 Uhr der letzte Spieltag der Saison 72/73 angepfiffen wird. Eintracht ist Tabellen-Sechzehnter und empfängt Fortuna Düsseldorf. 96 liegt mit nur einem Punkt weniger direkt hinter Eintracht auf einem Abstiegsplatz und muss den schweren Gang zum Wuppertaler SV antreten. Zwei Stunden später wird nur bei den Hannoveranern gefeiert. Bejubelt wird ein 4:0-Erfolg im Stadion am Zoo, das legendäre „Wunder von Wuppertal“, das den Klassenerhalt sichert. Gleichzeitig macht sich an der Hamburger Straße in Braunschweig nach einer 1:2-Niederlage gegen die Fortuna Untergangsstimmung breit. Der kaum für möglich gehaltene Super-Gau – der Abstieg – ist eingetreten. Direkte Konkurrenten sind Eintracht und 96 auch noch einmal in der Spielzeit 1997/98. Souverän beherrschen sie die Regionalliga Nord und machen den Staffelsieg, der zum Aufstiegsspiel gegen den Nordost-Meister berechtigt, untereinander aus. Mit einem Punkt Vorsprung reist Hannover am vorletzten Spieltag zur Eintracht und vergrößert diesen durch ein Tor von Gerald Asamoah auf uneinholbare vier Zähler. Schließlich wird in den Aufstiegsspielen auch die Hürde Tennis Borussia genommen und die Wege der beiden niedersächischen Traditionsklubs trennen sich bis heute. Zur niedersächsischen Nummer 1 aber ist Ende des letzten Jahrtausends der VfL Wolfsburg aufgestiegen. Lange im Schatten von Eintracht und 96 stehend, spielen die „Wölfe“ seit 1997 zunächst einmal Alleinunterhalter in der 1. Bundesliga, ehe 2002 nach dem Wiederaufstieg von Hannover 96 erneut ein niedersächsisches Duo im Fußball-Oberhaus vertreten ist. Meist begegnen sich die beiden Rivalen auf Augenhöhe, wenngleich Wolfsburg in der Bilanz der bisher zehn gemeinsamen Bundesliga-Duelle mit fünf Siegen bei zwei Unentschieden und drei Niederlagen die Nase vorn hat. Erst 1945 gegründet muss sich der VfL Wolfsburg zunächst einmal aus den Niederungen der Kreisklasse Gifhorn hocharbeiten, um sich mit der Konkurrenz aus Braunschweig, Hannover und Osnabrück messen zu können. Das ist erstmals in der Spielzeit 1954/55 möglich. Wolfsburg ist in die damals höchste Spielkasse, die Oberliga Nord, aufgestiegen und schlägt sich beachtlich. Fünf Jahre lang spielt das niedersächsische Quartett gemeinsam in einer Spielklasse, können die Volkswagenstädter ihre Nachbarn wiederholt mit überraschenden Erfolgen ärgern. So bebt das überfüllte VfL-Stadion am Elsterweg, als Eintracht mit einer 3:4-Niederlage auf den Heimweg ins knapp 40 Kilometer entfernte Braunschweig geschickt wird. 1959 ist es dann mit dem Abstieg der Wolfsburger in die Amateur-Oberliga Niedersachsen-Ost für lange Zeit vorbei mit dem gemeinsamen Kräftemessen des NFV-Quartetts. Nur noch ein einziges Mal werden die Teams aus Braunschweig, Hannover, Osnabrück und Wolfsburg in einer Spielkasse vertreten sein: 1992/93 in der 2. Bundesliga. Mit dem Aufstieg in die 2. Bundesliga ist der VfL Osnabrück in der abgelaufenen Saison von der vierten Kraft zur dritten im Lande aufgestiegen, weil gleichzeitig Eintracht Braunschweig den erneuten Weg in die Drittklassigkeit antreten musste. Und auch im direkten Vergleich hat der VfL in der vergangenen Saison die Nase vorn gehabt. In der 1. Hauptrunde des DFB-Pokalwettbewerbes musste Eintracht nach einer 1:3-Niederlage in der osnatel ARENA die Segel streichen. Die „Bremer Brücke brennt“. – Journalisten verwenden gern die schöne Alliteration, um den Freudentaumel an dieser traditionsreichen Fußballstätte zu beschreiben. Und nach Siegen über die niedersächsischen Nachbarn jubelt es sich halt besonders schön. Die Einführung der nationalen Profiliga, der 1. Bundesliga, im Jahre 1963 bedeutet für den deutschen Fußball eine Zäsur. Die zunächst 16, dann 18, vorübergehend auch 20 besten Fußballteams sind in einer Spielklasse konzentriert, um den Deutschen Meister auszuspielen. Braunschweig, Hannover und Wolfsburg nehmen im Laufe der zurückliegenden 44 Jahre mal länger, mal kürzer einen Platz im Fußball-Oberhaus ein. Sie begegnen sich – gemeinsam mit dem VfL Osnabrück – aber auch ein oder zwei Etagen tiefer, tragen Derbys aus, in denen es auch um die Vorherrschaft im niedersächsischen Fußball geht. Seit 1963 hat es auf Punktspielebene 168 Niedersachsenderbys der vier am Sparkassen-Cup Niedersachsen beteiligten Mannschaften gegeben. Die Bilanz sieht Hannover vor Braunschweig, Wolfsburg und Osnabrück an der Spitze. 1,67 Punkte haben die „Roten“ im Schnitt gegen die niedersächsische Konkurrenz eingefahren, die „Blau-Gelben“ kommen auf 1,31 Zähler und die „Grün-Weißen“ auf 1,22 Punkte, während die „Lila-Weißen“ in diesem Ranking mit 1,21 Punkten die rote Laterne tragen.

    Tipp: Bildergalerie „Nostalgie“

    Die Punktspiel-Derbys seit 1963

      S U N
    96 – OS 19 9 8
    96 – BS 15 11 10
    96 – WOB 11 5 8
    OS – WOB 15 7 8
    BS – OS 15 12 9
    BS – WOB 1 1 4

    Die Derbytabelle

      S U N
    96 96 Spiele, 160 Punkte, ø 1,67 45 25 26
    BS 78 Spiele, 102 Punkte, ø 1,31 26 24 28
    WOB 60 Spiele, 73 Punkte, ø 1,22 20 13 27
    OS 102 Spiele, 124 Punkte, ø 1,21 32 28 42

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